Warum lässt Allah Leid zu? Die islamische Antwort
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Kurz gesagt: Der Islam versteht das Leben als Prüfung. Allah lässt Leid zu, ohne es gutzuheißen, weil gerade schwere Situationen zeigen, was wirklich im Inneren eines Menschen steckt. Kein Leid geht dabei verloren: Der Standhafte wird belohnt, dem Gläubigen werden Sünden vergeben, und jedes Unrecht wird spätestens im Jenseits ausgeglichen.
Kriege, Krankheiten, Armut, der frühe Tod eines geliebten Menschen: Wer so etwas erlebt oder sieht, stellt sich fast zwangsläufig die Frage, warum ein barmherziger und gerechter Gott das zulässt. In der Philosophie heißt diese Frage Theodizee. Für viele Atheisten ist sie das stärkste Argument gegen die Existenz Gottes.
Die Frage zu stellen, ist nicht falsch. Wer sie aber als Beweis gegen Allah verwendet, macht einen Denkfehler, den man zuerst verstehen muss, bevor man die eigentliche Antwort des Islams betrachtet.
Der Denkfehler hinter der Frage
Hinter dem Einwand steht meist eine unausgesprochene Annahme: Wenn ich als Mensch eine Entscheidung Gottes nicht nachvollziehen kann, dann ist sie falsch. Gott wird dabei wie ein Mensch ohne Fehler gedacht, der sich so verhalten müsste, wie wir es an seiner Stelle tun würden. Schon der griechische Philosoph Protagoras brachte diese Haltung auf den Punkt: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“
Doch das gesamte Wissen der Menschheit ist der Unwissenheit näher als dem unbegrenzten Wissen Allahs. Der Koran sagt:
„[…] euch aber ist vom Wissen gewiß nur wenig gegeben.“ (Sure 17, Vers 85)
„Aber vielleicht ist euch etwas zuwider, während es gut für euch ist, und vielleicht ist euch etwas lieb, während es schlecht für euch ist. Allah weiß, ihr aber wißt nicht.“ (Sure 2, Vers 216)
Ein Vergleich macht das greifbar: Ein Kleinkind bekommt beim Arzt eine Spritze. Es spürt nur den Schmerz und hält ihn für einen Schaden. Der Vater kann ihm den Nutzen erklären, aber das Kind wird ihn nicht so verstehen wie der Vater oder der Arzt. Was es aber verstehen kann: Der Vater will ihm nichts Böses.
Das bedeutet nicht, dass der Verstand nutzlos ist. Mit ihm kann der Mensch erkennen, dass es einen Schöpfer geben muss und dass der Koran von Ihm stammt. Genau diese Offenbarung sagt ihm dann aber, dass sein Wissen begrenzt ist. Wer Allahs Existenz mit dem Verstand erkannt hat, widerspricht sich selbst, wenn er sie verwirft, sobald er eine Seiner Entscheidungen nicht im Detail versteht.
Das Leben ist eine Prüfung
Die Offenbarung lässt den Menschen mit der Frage nach dem Leid aber nicht allein. Ihre zentrale Antwort lautet: Das Leben ist eine Prüfung, deren Ergebnis mit Lohn oder Strafe verbunden ist.
„Und Wir werden euch ganz gewiss mit ein wenig Furcht und Hunger und Mangel an Besitz, Seelen und Früchten prüfen. Doch verkünde frohe Botschaft den Standhaften, die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: ‚Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.‘“ (Sure 2, Vers 155–156)
„Jede Seele wird den Tod kosten. Und Wir prüfen euch mit Schlechtem und Gutem als Versuchung (fitna). Und zu Uns werdet ihr zurückgebracht.“ (Sure 21, Vers 35)
Niemand würde einem Prüfer Mitgefühl oder Kompetenz absprechen, weil er in einer Klausur die Antworten nicht verrät, sondern zusieht, wie man sich abmüht. Gerade darin liegt der Sinn einer Prüfung.
Das arabische Wort fitna zeigt, worum es geht. Der Sprachgelehrte al-Azharī erklärt, dass es ursprünglich das Erhitzen von Gold und Silber im Feuer bezeichnet, um das Echte vom Unechten zu trennen. Genauso bringen Prüfungen ans Licht, was wirklich im Herzen eines Menschen ist:
„Meinen die Menschen, daß sie in Ruhe gelassen werden, (nur) weil sie sagen: ‚Wir glauben‘, ohne daß sie geprüft werden? […] Allah wird ganz gewiß diejenigen kennen, die die Wahrheit sprechen, und Er wird ganz gewiß die Lügner kennen.“ (Sure 29, Vers 2–3)
Auch Gutes ist dabei eine Prüfung. Allah hat Menschen reich und arm, gesund und krank erschaffen und lässt leichtere und schwerere Zeiten aufeinanderfolgen. Erst durch das Gegenteil lernt der Mensch, das Gute zu schätzen und dankbar zu sein.
Warum greift Allah nicht einfach ein?
Ein großer Teil des Leids in der Welt geht auf Menschen zurück: Kriege, Unterdrückung, Gleichgültigkeit gegenüber den Armen. Allah hat den Menschen mit einem freien Willen erschaffen, damit er selbst entscheiden kann, welchen Weg er geht. Würde Allah jedes Unrecht schon im Voraus verhindern, hätte die Prüfung des Lebens keinen Sinn mehr.
Dass Allah die Menschen nicht sofort für ihr Unrecht bestraft, ist dabei selbst ein Zeichen Seiner Nachsicht:
„Wenn Allah die Menschen für ihre Ungerechtigkeit belangen wollte, würde Er auf ihr kein Tier übriglassen. Aber Er stellt sie auf eine festgesetzte Frist zurück.“ (Sure 16, Vers 61)
Wichtig ist dabei: Allah selbst tut niemandem Unrecht, und Er heißt Unrecht nicht gut. In einem Hadith qudsī sagt Er: „O Meine Diener, Ich habe Mir die Ungerechtigkeit verboten […]“ (Muslim, Nr. 2577). Er lässt es zu, aber Er billigt es nicht.
Kein Leid geht verloren
Der entscheidende Unterschied zum atheistischen Weltbild: Im Islam endet die Geschichte nicht mit dem Tod. Was hier ungerecht bleibt, wird ausgeglichen. Die Offenbarung zeigt das auf mehreren Ebenen:
- Für den Leidenden: Der Prophet ﷺ sagte: „Den Gläubigen trifft nichts, sei es ein Dorn oder mehr als das, außer dass Allah ihn dadurch um einen Rang erhöht oder ihm dadurch eine Sünde vergibt.“ (al-Buḫārī, Nr. 5640; Muslim, Nr. 2572). Und im Koran heißt es: „Gewiß, den Standhaften wird ihr Lohn ohne Berechnung in vollem Maß zukommen.“ (Sure 39, Vers 10)
- Für das Opfer von Unrecht: „Wahrlich, die Rechte werden am Tag der Auferstehung ihren Besitzern zurückgegeben. Selbst dem hornlosen Schaf wird gegenüber dem gehörnten Schaf Gerechtigkeit widerfahren.“ (Muslim, Nr. 2582)
- Für den Täter: Wer für andere verantwortlich war und sie im Stich gelassen hat, wird dafür zur Rechenschaft gezogen. Nichts bleibt unbestraft.
- Für den, der hilft: „Wer nun im Gewicht eines Stäubchens Gutes tut, wird es sehen.“ (Sure 99, Vers 7)
Selbst wenn ein Unglück keine Prüfung, sondern eine Strafe für eine Sünde ist, ist es noch zum Vorteil des Menschen. Es bewahrt ihn vor einer größeren Strafe im Jenseits oder warnt ihn, damit er umkehrt:
„Unheil ist auf dem Festland und im Meer erschienen wegen dessen, was die Hände der Menschen erworben haben, damit Er sie einiges von dem kosten läßt, was sie getan haben, auf daß sie umkehren mögen.“ (Sure 30, Vers 41)
„Und Allah hat die Himmel und die Erde in Wahrheit erschaffen, und damit jeder Seele das vergolten wird, was sie erworben hat, und es wird ihnen kein Unrecht zugefügt.“ (Sure 45, Vers 22)
Ausführlich mit allen Quellen im Buch
Dieser Artikel ist eine kurze Fassung von Kapitel 2 aus „Warum ich ein Muslim bin“ (Band 2) von Wahid Achakzad. Dort geht es außerdem um die Fragen, warum Allah die Verfälschung früherer Schriften zuließ, warum Ungläubige bestraft werden und warum Allah überhaupt angebetet werden will. Kapitel 1 widmet sich dem Allmachtsparadoxon („Kann Gott einen Stein erschaffen, den Er nicht heben kann?“). Kostenlose Leseprobe herunterladen
Häufige Fragen
Was bedeutet Theodizee?
Theodizee ist die Frage, wie sich die Existenz eines allmächtigen, allwissenden und gütigen Gottes mit dem Leid in der Welt vereinbaren lässt. Der Islam beantwortet sie mit dem Verständnis des Lebens als Prüfung und mit der Gerechtigkeit im Jenseits.
Ist Leid im Islam immer eine Strafe?
Nein. Leid kann eine Prüfung sein, die den Rang eines Menschen erhöht und ihm Sünden vergibt. Es kann auch eine Folge eigener Sünden sein. Selbst dann dient es dem Menschen, weil es ihn warnt und vor einer größeren Strafe im Jenseits bewahrt.
Wenn Allah barmherzig ist, warum verhindert Er nicht alles Leid?
Weil eine Welt ohne jede Schwierigkeit keine Prüfung wäre und der freie Wille des Menschen keine Bedeutung hätte. Allahs Barmherzigkeit zeigt sich darin, dass Er die Menschen nicht sofort für ihr Unrecht bestraft und dass kein Leid unbelohnt und kein Unrecht unausgeglichen bleibt.
Was soll ein Muslim sagen, wenn ihn ein Unglück trifft?
Der Koran lobt diejenigen, die im Unglück sagen: „Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück“ (innā li-llāhi wa-innā ilaihi rāǧiʿūn, Sure 2, Vers 156).