Wissenschaftliche Wunder im Koran: Warum das Argument nicht trägt
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Kurz gesagt: Verse über den Embryo, die Umlaufbahnen oder das Eisen werden oft als „wissenschaftliche Wunder“ (al-iʿǧāz al-ʿilmī) des Korans präsentiert. Als Beweis für den Islam taugen sie jedoch nicht: Sie erfüllen die Definition eines Wunders nicht, ihre Wörter sind mehrdeutig, manches Wissen war schon vor dem Islam bekannt, und die Wissenschaft selbst verändert sich ständig. Die Gewissheit des Glaubens gründet sich auf etwas anderes – vor allem auf die sprachliche Unnachahmlichkeit des Korans.
Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen einige Muslime, in Korankommentaren wissenschaftliche Erkenntnisse hervorzuheben. Im 20. Jahrhundert wurde daraus eine Massenbewegung: In Videos, Büchern und Vorträgen wird bis heute erklärt, der Koran enthalte Wissen, das der Prophet ﷺ unmöglich habe kennen können – und sei deshalb von Gott.
Dahinter stand oft die Bewunderung für den wissenschaftlichen Fortschritt des Westens und der Wunsch, mit ihm mitzuhalten. Dass es zwischen dem Islam und der wissenschaftlichen Methode grundsätzlich keinen Konflikt gibt, ist richtig. Doch viele haben dabei den Bogen überspannt.
Die bekanntesten Beispiele
Drei Verse werden besonders häufig angeführt:
- Der Embryo: „Hierauf schufen Wir den Samentropfen zu einem Anhängsel (ʿalaqa), dann schufen Wir das Anhängsel zu einem kleinen Klumpen (muḍġa), dann schufen Wir den kleinen Klumpen zu Knochen […]“ (Sure 23, Vers 12–14). Eine so genaue Beschreibung sei erst mit dem Mikroskop möglich gewesen.
- Die Umlaufbahnen: „Und Er ist es, Der die Nacht und den Tag, die Sonne und den Mond erschaffen hat; alles läuft in einer (jeweils eigenen) Umlaufbahn.“ (Sure 21, Vers 33). Das sei erst seit Johannes Kepler im 17. Jahrhundert bekannt.
- Das Eisen: „Und Wir haben das Eisen herabgesandt.“ (Sure 57, Vers 25). Hier sei angedeutet, dass Eisen aus dem All auf die Erde kam.
Das klingt überzeugend. Vier Punkte zeigen aber, warum man seinen Glauben nicht darauf bauen sollte.
1. Ein Wunder ist mehr als etwas Erstaunliches
In der islamischen Gelehrsamkeit ist ein Wunder (muʿǧiza) klar definiert: etwas, das die gewohnte Ordnung der Welt außer Kraft setzt (ḫarq al-ʿāda). Dazu gehören die Spaltung des Meeres durch Mose, Aussagen über verborgenes Wissen oder die sprachliche Überlegenheit des Korans. Nicht alles, was fasziniert oder persönlich unerklärlich wirkt, ist deshalb schon ein Wunder.
2. Die Wörter haben mehrere Bedeutungen
Viele dieser Verse enthalten Wörter mit mehreren Bedeutungen. Wer sie als wissenschaftliches Wunder liest, wählt gezielt die Bedeutung aus, die zum heutigen Forschungsstand passt, und blendet die anderen aus.
Das Wort ʿalaqa kann „Anhängsel“, „Blut“, „Blutklumpen“ oder „Blutegel“ bedeuten. Muḍġa bedeutet „ein Bissen Fleisch“ oder etwas Gekautes. Einige Bedeutungen kommen den Stadien des Embryos nahe, andere weichen deutlich ab. Der Embryo ähnelt einem Blutegel, ist aber keiner. Er enthält etwas Blut, ist aber kein Blutklumpen. Und mit rund einem Zentimeter ist er deutlich kleiner als ein Bissen Fleisch.
Damit bleibt die wissenschaftliche Deutung bestenfalls eine überwiegende Annahme (ġalabat aẓ-ẓann) – keine Gewissheit. Der Koran selbst warnt davor, die Überzeugung auf Vermutungen zu gründen:
„Doch nützt die Vermutung (ẓann) vor der Wahrheit nichts.“ (Sure 10, Vers 36)
Die klassischen Gelehrten haben diesen Unterschied scharf gezogen. Imam al-Qurṭubī schreibt zu diesem Vers knapp: „Die Vermutung ist nicht wie die Gewissheit.“ Imam an-Nasafī fragt: „Wie kann die Gewissheit festgestellt werden, obwohl (nur) die Wahrscheinlichkeit besteht?“
3. Manches war schon vor dem Islam bekannt
Ein Wunder setzt voraus, dass das Wissen damals unzugänglich war. Das lässt sich nicht immer sicher behaupten:
- Die alten Ägypter sprachen schon über tausend Jahre vor dem Islam von Meteoriteneisen und nannten es „bj-n-pt“ – „Eisen vom Himmel“.
- Dass der Mond das Licht der Sonne nur reflektiert, wird oft aus Sure 10, Vers 5 abgeleitet („die Sonne zu einer Leuchte und den Mond zu einem Licht“). Die griechischen Philosophen Thales und Anaxagoras sagten das aber bereits über tausend Jahre vor dem Koran.
Wer seinen Glauben auf solche Verse gestützt hat und dann davon erfährt, steht plötzlich ohne Fundament da.
4. Die Wissenschaft verändert sich
Wissenschaft liefert keine absoluten Erkenntnisse. Sie beschreibt, wie die Welt nach heutigem Wissen höchstwahrscheinlich ist – und wird ständig korrigiert. Macht man das Wunder davon abhängig, ist etwas heute ein Wunder und morgen nicht mehr. Ein Muslim im 16. Jahrhundert hätte mit derselben Methode ganz andere Verse zum Beweis erklärt als ein Muslim heute.
Schon im 14. Jahrhundert kritisierte der andalusische Gelehrte aš-Šāṭibī diese Haltung: „Viele Menschen haben in ihren Behauptungen über den Koran das angemessene Maß überschritten und ihm jedes Wissen zugeschrieben […], einschließlich der Naturwissenschaften, der Mathematik, der Logik […].“
Wie sollte man diese Verse dann verstehen?
Der Koran ist kein naturwissenschaftliches Lehrbuch. Sein zentrales Thema ist Allah. Wenn er Regen, Sterne, das Eisen oder die Entstehung des Menschen erwähnt, dann damit der Mensch darüber nachdenkt und erkennt, wer hinter all dem steht.
Deshalb beschreibt der Koran die Welt so, dass Menschen sie zu jeder Zeit verstehen können. Wenn er den Embryo als ʿalaqa beschreibt, verstanden die Menschen damals ohne Mikroskop „Anhängsel“ oder „Blutklumpen“ – das, was sie sehen konnten. Mit heutiger Technik kann man auch an „Blutegel“ denken. Die Botschaft bleibt dieselbe: Allah allein lässt aus einem Tropfen einen Menschen entstehen.
Auch im Alltag beschreiben wir Dinge so, wie wir sie wahrnehmen. Wir sagen „Sonnenaufgang“, obwohl die Sonne weder auf- noch untergeht. Genauso wenig behandelt der Vers, nach dem Allah „die Erde zu einer ausgebreiteten Unterlage gemacht“ hat (Sure 71, Vers 19), die Frage, ob sie rund ist. Er erinnert an eine Gnade: dass die Menschen auf ihr leben und reisen können.
Für Muslime folgt daraus: Man muss den Koran nicht wissenschaftlich auslegen, nur weil Wissenschaft im Trend ist. Wo ein Vers eindeutig ist, hat er Vorrang vor menschlichen Erklärungsversuchen. Denn Allahs Wort und Seine Schöpfung haben denselben Ursprung und können sich nicht widersprechen. Wer den Islam dagegen von etwas Wandelbarem abhängig macht, wird ihn immer wieder umdeuten müssen.
Das heißt nicht, dass man aus dem Koran keine weiteren Erkenntnisse ziehen darf, soweit seine Sprache es zulässt. Es fasziniert durchaus, wie vielschichtig er ist. Die sichere Grundlage des Glaubens ist aber eine andere: die sprachliche Überlegenheit, mit der der Koran die Menschen seit über 1.400 Jahren herausfordert.
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Dieser Artikel ist eine kurze Fassung von Kapitel 5 aus „Warum ich ein Muslim bin“ (Band 2) von Wahid Achakzad. Das Kapitel behandelt außerdem, wie Muslime mit der Evolutionstheorie umgehen sollten und welche Verse sich grundsätzlich einer wissenschaftlichen Prüfung entziehen. Worin das sprachliche Wunder des Korans besteht, erklärt Kapitel 2 von Band 1 „Warum ich kein Westler bin“. Kostenlose Leseprobe herunterladen
Häufige Fragen
Was bedeutet al-iʿǧāz al-ʿilmī?
Al-iʿǧāz al-ʿilmī heißt „das wissenschaftliche Wunder“. Gemeint ist die Behauptung, der Koran enthalte naturwissenschaftliche Erkenntnisse, die zur Zeit seiner Offenbarung unbekannt waren und deshalb seinen göttlichen Ursprung beweisen.
Widerspricht der Koran der Wissenschaft?
Nein. Zwischen dem Koran und der wissenschaftlichen Methode gibt es keinen grundsätzlichen Konflikt, weil Allahs Wort und Seine Schöpfung denselben Ursprung haben. Wo ein eindeutiger Vers einer wissenschaftlichen Theorie widerspricht, ist das ein Anlass, in diesem Bereich genauer zu forschen.
Ist es falsch, an wissenschaftliche Wunder zu glauben?
Wer sich auf solche Verse beruft, ist deshalb nicht weniger Muslim. Problematisch ist es, die eigene Überzeugung allein darauf zu gründen, weil diese Deutungen nur Vermutungen sind und keine Gewissheit liefern.
Was ist dann das eigentliche Wunder des Korans?
Die klassische Antwort der Gelehrten ist seine sprachliche Unnachahmlichkeit. Der Koran fordert die Menschen heraus, etwas Vergleichbares hervorzubringen – eine Herausforderung, an der schon die sprachgewandten Araber seiner Zeit gescheitert sind.